klären & lösen – Agentur für Mediation in Berlin

Tipps für die Mediation

Newsletter 1/2021

Immer wieder werden wir nach Tipps und Tricks für die Mediation gefragt. Mit den Tipps ist es ja so eine Sache, kaum hat man einen gegeben, wird uns gesagt, dass dieser gerade nicht so hilfreich sei. Wir möchten es trotzdem versuchen und haben mal welche zusammengestellt, die aus unserer Sicht hilfreich sind.


Hüte dich vor schnellen Zuschreibungen

Im Konflikt zeigen wir nicht unsere Schokoladenseite. Wir tun und sagen Dinge, die wir eigentlich in einem guten Zustand anders machen würden. Nun ist es aber so, dass wir in der Mediation ja gerade Menschen vor uns haben, die Unterstützung brauchen und ob ihres Konfliktzustandes nicht im Vollbesitz all ihrer guten Möglichkeiten sind. Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass alle das Beste tun, was ihnen gerade möglich ist, auch wenn es uns ärgerlich, fies, unsympathisch, blockierend usw. vorkommt. Immer daran denken: Sie können auch anders und es gab viele Situationen in deren Leben, wo wir zu einem ganz anderen Urteil über sie gekommen wären. Und immer daran denken: Wir bekommen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben, der Arbeit der Menschen mit, die wir unterstützen. Wie sie sonst sind, was sie sonst alles Tolles und Liebenswertes machen, wissen wir bestenfalls ausschnittsweise.


Klebe nicht an den Phasen, sondern nutze sie

Wir müssen uns an die Phasen der Mediation halten und sie gleichzeitig „nur“ als Richtschnur nutzen. Klar, jede Mediation sollte mit dem Schließen des Arbeitsbündnisses anfangen und danach übergehen zur Sammlung von Themen, die bearbeitet werden sollen. Sonst wissen wir gar nicht was wir dürfen und was die wollen. Nur: Wir können auch mit einer unvollständigen Themensammlung arbeiten und erst einmal was Dringliches bearbeiten und dann nach dem nächsten Thema suchen. Oder für ein Thema, wenn es denn nicht anders geht, nach Lösungen suchen, eher im moderierenden Modus, wenn ein Perspektivwechsel eben halt gerade nicht möglich ist oder die Zeit dafür fehlt. Unser Plädoyer hier wäre, pragmatisch zu sein. Das was dran ist, ist dran. Und dabei gleichzeitig nicht zu vergessen, was wir ausgelassen, übersprungen oder abgekürzt haben. Lass dich nicht von den Parteien durch den Prozess treiben, sondern gestalte ihn.


Führe und folge gleichzeitig

Du führst den Prozess, die Inhalte kommen von den Parteien. Wir können sehr stark steuern, dann gilt, dass nur wir sagen, was gemacht wird. Oder wir können es den Parteien überlassen und sie bestimmen den Ablauf des Gesprächs. Beim ersten besteht die Gefahr, die Parteien zu verlieren, beim zweiten Spielball des Geschehens zu werden.

Unser Tipp wäre, es dialektisch zu sehen: Ohne Führung keine Gefolgschaft, ohne Gefolgschaft keine Führung. Vielleicht geht es ja eher um Impulse an den richtigen Stellen, um Orientierung, wo es dieser bedarf und um gutes Zuhören, wann immer es gebraucht wird. Führen und folgen gleichzeitig macht aus dem Mediationsprozess eine Co-Kreation von uns und den Parteien. Also: Sei zielorientiert und gehe mit den Parteien, habe dein Ziel vor Augen und lasse es los.


Kenne Methoden und traue deinem Gefühl

Methoden sind super, sie helfen den Prozess voranzubringen. Und was kann man nicht alles machen: Bilder malen oder Steinchen legen lassen, Doppeln, Modelle vorstellen, Methodenbücher konsultieren, es findet sich bestimmt etwas, was (scheinbar) passt. Wir sind große Freunde von guten und passenden Methoden. Nur wann sollen wir sie anwenden? Unser Rat wäre, dann wenn sie uns einfallen. Es wird schon einen guten Grund geben, dass sie uns genau dann einfallen.

Hilflosigkeit oder das Gefühl, dass wir gerade nicht mehr wissen, was wir jetzt tun sollen, ist kein guter Ratgeber, mal was auszuprobieren. Hier wäre doch eher zu überlegen, woran es gerade hängt und diese Hypothesen den Parteien zur Verfügung zu stellen und sie gemeinsam zu überprüfen.


Bilde Hypothesen und sei bereit sie zu verwerfen

Die Welt ist Komplex und ohne gute Annahmen darüber ist es unmöglich sich zu orientieren. So ist es auch in der Mediation: Um die Parteien verstehen zu können, auch wenn wir nur ein bisschen was aus deren Leben mitbekommen (was sind schon 3 Mal 1,5 Stunden im Vergleich zu 10 Jahren Ehe oder gemeinsamem Arbeiten), müssen wir uns ein Bild machen, Vorstellungen entwickeln, was bei denen denn so los ist, wie die sind, was die können, wie deren Arbeit- und Kommunikationsstrukturen sind usw. Nur müssen wir offen sein, die Hypothesen, auch wenn sie uns noch so gut gefallen, wieder loszulassen. Besonders schwierig wird das, wenn das, was wir sehen und hören, unsere Annahmen über das Leben scheinbar bestätigen: Männer, Frauen, Chef/innen sind halt so. Gerade dann müssen wie kritisch mit uns selbst sein, denn sonst droht, die Realität der Parteien aus dem Blick zu geraten. Insofern ist Mediation auch immer Arbeit an sich selbst.


Sei freundlich zu dir

Es gab wohl noch nie eine Mediation, in der alles - und wirklich alles – genau nach Lehrbuch abgelaufen ist. Immer wieder funkt das reale Leben dazwischen. Wer kennt das nicht: Diesen Satz hätte ich besser mal nicht gesagt, das wäre eine gute Idee in der Situation gewesen, hier habe ich beim Spiegeln nicht ganz getroffen oder jemanden nicht so ganz verstanden und nicht nachgefragt. Oder Momente, in denen wir uns nicht getraut haben, was zu tun, es aber eigentlich besser wissen usw. Trauere keinen verpassten Gelegenheiten nach, sondern freue dich auf die nächste Chance. Und wenn es dir dann wieder nicht einfällt: Es wird schon gute Gründe dafür geben. Wenn du magst, kannst du da ja nachforschen.

Wenn wir unsere Grundsätze ernst nehmen, bedeutet das auch, dass die Parteien, die Mediation jederzeit verlassen können. Anders herum: Die machen nur so lange mit, wie sie zumindest die Hoffnung haben, dass diese Mediation für sie hilfreich sein kann. Alle die da bleiben, sind (noch) da, weil wir was richtig machen und nicht wegen der verpassten Gelegenheiten.


Verstehen wollen ohne neugierig zu sein

Ermittlungen über die Wahrheit oder die Schuldigen an dem ganzen Dilemma müssen wir den Tatortkommissar/innen Sonntagabends überlassen. Aber das Ungesagte sagen, das Unausgesprochene sichtbar machen, das zwischen den Zeilen Mitgemeinte auszusprechen, ist unser Job. Und uns zu wundern. Kennen Sie das auch: Wir lauschen den Konfliktschilderungen der Parteien und es hört sich irgendwie, aber auch nur irgendwie, logisch an. Mit ein bisschen Abstand, denkt man sich, da stimmt doch was nicht, da ist ein logischer Bruch. Und dann den Mut haben, das anzusprechen, an dieser Stelle nachzufragen oder das zu Spiegeln. Meist sind wir dann am Kern des Konflikts.

Ohne neugierig zu sein bedeutet in diesem Kontext, dass es nicht um die Befriedigung unseres Wissensinteresses geht, sondern darum, über unser wirkliches Verstehen, um was es geht, den Parteien einen Erkenntnisgewinn, bestenfalls einen Perspektivwechsel zu ermöglichen. Also: Frage was du fragen musst, um den Parteien folgen zu können, denn wenn man nicht weiß, wer diese oder jene Person ist, wird das schwierig. Aber frage sie nicht aus, sondern verstehe den Konflikt.


Tappe nicht in die „Lösungsfalle“

Manchmal wollen Menschen (zu) schnell zu einer Lösung in ihrem Team, in der Partnerschaft oder einer anderen Konstellation kommen, um z.B. dem Schmerz, der vielleicht in der 3. Phase (Konflikterhellung) sicht- und spürbar wird, zu umgehen. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass wir direkt von der Themenfindung in die Lösungssuche reintappen. Gute und vor allem nachhaltige Lösungen brauchen Zeit und das Verständnis darüber, dass wir Mediator/innen auch ein stückweit dahin müssen, wo es weh tut, damit ein echter Perspektivwechsel möglich ist und somit eine gute Lösung erarbeitet werden kann. Oder aber unsere Mediand/innen sind nach dem Perspektivwechsel so erleichtert, dass ihr Gegenüber „endlich“ versteht, wie man die Dinge damals gesehen oder gefühlt hat, und sind nun bereit „alles“ zu geben. Auch hier besteht die Gefahr in die Lösungsfalle zu tappen und es liegt an uns, dass wir die Lösungsideen (und auch deren mögliche Auswirkungen) gemeinsam mit den Mediand/innen besprechen.


Nimm wahr, was in dir geschieht

Wir kennen es alle: ein/e Mediand/in spricht uns zu laut, schnell, hektisch, der oder die andere klagt zu viel und wir merken, wie unsere Sympathie schwindet und die Allparteilichkeit droht flöten zu gehen. Oder die Konfliktsituation ähnelt doch ganz der, die wir vor nicht allzu langer Zeit ähnlich erfahren haben, allerdings nur aus Sicht einer Partei. Wenn wir das merken, ist schon der wichtigste Schritt getan: Die eigene Wahrnehmung ernst nehmen und schauen, was wir damit für die Mediation anfangen können: Wirkt das laute, hektische Verhalten auf die andere Partei ähnlich wie bei mir und bewirkt es gar, dass diese sich zurückzieht oder im Gegenteil aggressiv wird? Oder ist es ein Verhalten, das mich triggert, weil ich diese oder jene Erfahrung mit Menschen gemacht habe? Entscheidend ist, dass ich diese Wahrnehmung nutzbar mache für die Mediation: Was gehört zu den Mediand/innen und dem Mediationsprozess und was hat mit mir zu tun, das ich dann an anderer Stelle bearbeiten kann? Manches lässt sich nicht sofort zuordnen, was bedeutet, dran zu bleiben und genau hinzuschauen. Spätestens bei der nächsten ähnlichen Gelegenheit bekomme ich einen Hinweis, wie ich damit weiterarbeiten kann.

(Michael Cramer)