klären & lösen – Agentur für Mediation in Berlin

Privat & persönlich

das richtige Maß finden | Newsletter 4/2021

Was zeigen wir von uns, wieviel eigenes Gefühl lassen wir zu? Wann bin ich nur ich, wann agiere ich als Profi, der einfach nur bei der Arbeit ist? Arbeit ist Arbeit und Schnaps ist Schnaps. Mit solchen und ähnlichen Sprüchen versuchen Menschen die Grenze zwischen den unterschiedlichen Lebenssphären zu ziehen. Was für Menschen in „normalen“ Berufen noch relativ einfach abzugrenzen ist, ist für diejenigen, die mit Menschen arbeiten und dabei auch immer mit ihrer Persönlichkeit involviert sind, ungleich schwieriger. In der sozialen Arbeit, aber auch in der Beratungsarbeit wie der Mediation, ist der Aufbau einer Beziehung zu den Kund:innen Arbeitsmittel. Ohne Beziehung kein Kontakt und kein Vertrauen, und ohne Kontakt und Vertrauen kann diese Arbeit schwer gelingen.

Gleichwohl gilt es Grenzen zu ziehen: Auch wenn ich mich als Person zeige, gibt es Teile meines Seins, die ich nicht in die Beziehung einbringe, wie z.B. dass ich in einer Paarmediation nicht über meine Erlebnisse und Schwierigkeiten meiner vergangenen Beziehungen spreche. Wäre dies anders, würden wir zum einen den Anlass des Zusammenseins (ein Seminar geben, eine Mediation machen usw.) in ein privates Treffen umdefinieren, aber auch unsere Kund:innen für unsere Belange instrumentalisieren, sie würde zu Zuhörer:innen für unsere Geschichten, obwohl es eigentlich andersherum sein sollte.

In diesem Beitrag möchten wir versuchen etwas Klarheit in das Verhältnis von Privat und Persönlich.


Privat

Privat ist das, was ich über mich weiß, es aber anderen nicht mitteilen mag, bzw. selbst entscheiden möchte, ob ich es tue. Egal wie gut wir jemanden kennen, es gibt immer etwas was wir nicht sagen mögen. Weil es uns unangenehm ist, weil wir denken, es passt nicht, weil wir das Gefühl haben, es würde die Beziehung belasten. Nun sind wir unterschiedlich. Die eine oder der andere mag denken, dass bestimmtes schon privat ist, vom dem andere den Eindruck haben, dass das gut mitteilbar ist. Beispielsweise wunderten sich in einer Dienstberatung viele Kolleg:innen, warum Frau Müller in letzter Zeit so angespannt und aufgewühlt ist. Erst nach einigen Monaten erzählte sie den Kolleg:innen, dass ihr Großvater verstorben sei und diese Angelegenheit für sie „privat“ gewesen sei. Einige der Kolleg:innen waren verdutzt und wunderten sich, weil sie die Information mit dem Team geteilt hätten.

Unabhängig von unseren persönlichen Vorlieben hängt es von der Rolle, die wir gerade ausfüllen und von der Kultur unseres Umfeldes ab, was mitteilbar ist oder sozial erwünscht und angemessen ist. In einer Liebesbeziehung ist manches angemessen, in einer Mediationssitzung weniger. In einer Beziehung würden wir uns möglicherweise über unsere Ängste und Sorgen austauschen, so etwas würden wir in eine Mediation nicht einbringen

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Organisationskultur und Privates

Es gibt Organisationen, in denen das Private eher außen vor bleibt. Man unterhält sich über die Arbeit, die Sphären Arbeit und Privat bleiben stark getrennt. Gleichwohl hat das Private einen Einfluss auf die Menschen. Wenn ich mich gerade getrennt haben, mein Kind oder meine Eltern krank sind, ich mich gerade in einer schwierigen Phase befinde oder mich gerade verliebt habe, verhalte ich mich meinen Kolleg:innen gegenüber anders. Wenn das nicht mitgeteilt werden kann, wundern sich alle, was denn mit der Kollegin so los ist, das Verhalten bleibt rätselhaft und gibt Anlass zu Spekulationen.

Im Mediations- oder Beratungssetting ist das ähnlich. Wenn wir Privates über uns mitteilen, legen wir den Aufmerksamkeitsfokus auf uns, weg von den Klient:innen. Das soll so nicht sein. Und gleichzeitig schaffen wir Vertrauen, weil wir uns als Privatperson zeigen. Schau an, der kennt so eine Situation auch. Und schließlich wird es ja in Mediationssitzungen häufig sehr privat. Die Klient:innen sprechen Dinge aus, die sie so noch nicht gesagt haben.


Persönlich

Um in einen guten Kontakt miteinander zu kommen, müssen wir mit unseren Kund:innen auf drei Ebenen eine Klärung erreichen. Wir müssen unsere Vertragsbeziehungen klären, unsere Arbeitsbeziehung definieren und in eine angemessene persönliche Beziehung treten. Auf der Vertragseben sind das Fragen des konkreten Auftrags, der zu behandelnden Themen, Fragen von Zeit, Ort und Bezahlung.

Auf der Ebene der Arbeitsbeziehung zeigen wir uns als Profi. Hier haben wir die Erlaubnis Methoden und Techniken anzuwenden, den Prozess zu strukturieren, ihn ggf. zu beenden oder eine Empfehlung auf unserer professionellen Sicht auszusprechen.

Was die persönliche Ebene ist, ist vertrackter. Hier zeigen wir uns als Person, empfinden Freude oder Mitgefühl, zeigen Emotionen, arbeiten mit Resonanzen, gehen in den Kontakt und engagieren uns für unsere Kund:innen. Und das alles, ohne privat zu werden. Wir stehen gleichsam auf der Bühne und zeigen unser mediatorisches (oder beraterisches) Bühnen-Ich. Ich mit meiner Persönlichkeit bin hier gefragt, nicht ich als Privatperson.

Mit dem Blick darauf, was eine Rolle ist, wird klar, was damit gemeint ist, wenn man sagt, jemand sei aus der Rolle gefallen. Eine soziale Rolle definiert sich üblicherweise als die Schnittmenge aus den Anforderungen, die die Funktion, der Job an einem stellt, den Anforderungen und Erwartungen der Organisation und der Person. Auf einen Mediations- oder Beratungsprozess bezogen bedeutet das: Es gibt Anforderungen, die die Profession Mediation an uns stellt: Allparteilichkeit, Prozessteuerung, ein passendes Verhältnis von Nähe und Distanz, so dass wir den Überblick wahren können usw. Machen wir Mediationen oder Beratungen für Unternehmen oder Organisationen oder im Auftrag für jemanden, haben wir auch deren Erwartungen hinsichtlich unseres Tuns zu erfüllen. Tun wir das zu wenig, wird uns gesagt, wir passen nicht, oder uns fehle der „Stallgeruch“.

Und wir sind es, die die Rolle ausfüllen. Will heißen, wir bringen uns als Person ein. Jeder Schauspieler zeigt sich auf der Bühne persönlich. Wir erkennen Gesten, Mimik, seine Persönlichkeit. Seltsam und irgendwie auch unangenehm für das Publikum wird es jedoch, wenn der Schauspieler auf der Bühne aufhört zu spielen und er selbst wird, von sich und seinem Leben erzählt, seine Sorgen und Nöte teilt usw.

Ähnliches kann auch in Mediationen, in Beratungen oder in Seminaren passieren. Wir können abkippen, aus der Rolle fallen und beginnen von uns zu erzählen, nehmen die Themen mit nach Hause, arbeiten statt unserer Kundschaft usw. Und jedes Mal verwirren wir unsere Kund:innen. Sie wissen nicht mehr, wen sie eigentlich vor sich haben. Einen Profi, der gut zuhören, strukturieren und spiegeln kann, oder jemanden, der mit sich beschäftigt ist, seine Geschichten erzählt oder gar verarbeitet.

Wie bei Schauspieler:innen kann es dabei zu Enttäuschungen kommen. Am Ende mag ich es gar nicht, was diese Person privat denkt. Oder mir gefällt es eigentlich nicht, wie sie ihr Leben lebt usw. Es ist also wichtig, sich über diese beiden Ebenen bewusst zu sein und zu entscheiden, was in den Beratungsprozess einfließen kann, ja sogar muss, und was nicht dahin gehört.

Vielleicht kann man es in drei Bildern gut klären

Michael Cramer Zoe Schlär Zoe Schlär

Gute Mediationen, Beratungen und auch gute Seminare leben von den persönlichen Beziehungen, die wir zu den Teilnehmer:innen aufbauen. Dadurch entsteht das Gefühl wirklich gehört zu werden, ernst genommen und verstanden zu werden. Und dafür bedarf es des echten Interesses von unserer Seite aus. Eine persönliche Beziehung kann man nicht heucheln.

Und endet die professionelle Beziehung, können wir uns ja gemeinsam entscheiden, das Verhältnis von persönlich und privat neu zu justieren.

PS: Nicht alle Mediator:innen können auch in privaten Beziehungen immer gut zuhören, eine Perspektivwechsel einleiten, emphatisch sein und alles spiegeln – dort sind sie auch einfach nur Privatpersonen!


Und wer noch was dazu hören mag, kann sich den Podcast mit Dominik Schiefner anhören, in der er über die die Verbindungen zwischen Schauspiel und Mediation mit Kristin Kirchhoff spricht.

(Michael Cramer)