Seelower Höhen
über Gedenken und warum wir als Mediator:innen eine Haltung haben | Newsletter 2/2026
Seit vielen Jahren fahren wir mit unseren Berliner Mediationsausbildungen für die Intensivwoche in den Oderbruch, nur etwa eine Stunde von der Stadtgrenze entfernt.
Ganz in der Nähe unserer Unterkunft fand im April 1945 auf den Seelower Höhen die letzte große – und sinnlose – Schlacht des 2. Weltkriegs statt, bei der zehntausende Soldaten ums Leben kamen. Zum ersten Mal in all den Jahren haben wir Ausbilder:innen die Gedenkstätte besucht. Die Sowjetunion errichtete dort direkt nach dem Krieg ein Ehrenmal, die DDR 1972 eine Gedenkstätte zur Erinnerung an den Sieg der sowjetischen Freunde über den Faschismus. Nach der Wende wurde die Ausstellung noch einmal aktualisiert. Der Besuch hat uns bewegt und Fragen aufgeworfen.
Was uns beschäftigt hat, war nicht nur das Ausmaß der Zerstörung, das dort sichtbar wird, sondern auch die Art, wie sie dokumentiert wird. Unterschiedliche historische Schichten stehen nebeneinander: das sowjetische Ehrenmal, das den Kampf der Roten Armee und die vielen Opfer für den Antifaschismus heroisch und monumental würdigt, Zeugnisse der Erinnerungspolitik aus DDR-Zeiten und die Umbrüche nach dem Mauerfall. Daneben schweres Kriegsgerät, aus dem Zweiten Weltkrieg – Panzer und Geschütze, die einerseits museal wirken und zugleich erschreckend vertraut erscheinen von aktuellen Kriegen, ebenso wie die Bilder von Schützengräben und zerstörten Landschaften.
Das alles ist dokumentiert, bleibt aber größtenteils unkommentiert und in dieser fehlenden historischen Einordnung lag unsere Irritation: Dass die Bilder als historische Ereignisse für sich stehen und der Bezug zur Gegenwart dennoch offensichtlich ist. Der aktuelle Krieg in der Ukraine war für uns allgegenwärtig, ohne dass er einmal erwähnt war. Die historische Rolle der Sowjetunion als Befreier von damals im Kontrast zu Russlands Angriffskriegs gegen die Ukraine heute. Oder ein russisch-orthodoxes Kreuz, welches 2003 von der russisch-orthodoxen Kirche errichtet wurde, steht dort ohne ein Wort zur Rolle ebenjener Kirche im Krieg gegen die Ukraine und in Bezug auf den russischen Nationalismus. Die fehlende Einordnung hat für uns deutlich gemacht, wie sehr Erinnerung von Kontext, Deutung und Perspektive lebt.
Vieles von dem, was dort zu sehen ist, lässt sich nicht eindeutig in der Vergangenheit verorten, sondern wirkt heute vertraut auf eine Weise, die irritiert. Dies hat die Frage aufgeworfen, wie Gewalt sich über Generationen fortsetzt und wie wir als Gesellschaft mit Konflikten umgehen.
Vergangenheit wirkt nach
Der Besuch hat auch unsere persönlichen Familiengeschichten hochgeholt. Unsere Großväter waren als Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Manche kamen nicht zurück, andere traumatisiert. Unsere Eltern haben als Kinder den Krieg miterlebt oder sind kurz nach Kriegsende geboren. Der Krieg hat sie auf die ein oder andere Weise geprägt. Sie sind unterschiedlich mit dem erlebten umgegangen. In einer mehr oder minder bewussten und gelingenden Abkehr von dem, was sie selbst in ihrer Kindheit und Jugend erlebt haben oder in einer nicht in Worte zu fassenden Reaktion auf das Erlebte als Anspannung, Impulsivität, Rückzug oder emotionaler Abwesenheit.
Auch wenn die Nachkriegsgeneration versucht hat, vieles anders zu machen, als das, was sie selbst erleben musste, tragen wir Spuren dieser Zeit in unseren Familiengeschichten. Diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart war bei unserem Besuch deutlich spürbar.
Wenn man diesen Gedanken weiterführt, stellt sich die Frage, was davon bis heute nachwirkt. Die Art, wie in früheren Generationen mit Spannungen umgegangen wurde, war oft geprägt von Autorität, Anpassung und dem Anspruch, funktionieren zu müssen. Für Gefühle, Bedürfnisse oder unterschiedliche Perspektiven gab es wenig Raum. Konflikte wurden oftmals nicht geklärt, sondern vermieden oder übergangen. Auch wenn wir heute den Eindruck haben, dass wir mehr Sprache für das, was in Konflikten geschieht, mehr Bewusstsein für Dynamiken, Emotionen und Bedürfnisse haben, zeigt sich doch gleichzeitig, dass ein konstruktiver Umgang mit Konflikten auch heute alles andere als selbstverständlich oder einfach ist.
Konfliktfähigkeit als gesellschaftliche Aufgabe
Vor diesem Hintergrund wird der Umgang mit Konflikten nicht nur zu einer individuellen, sondern auch zu einer gesellschaftlichen Frage. Gerade in einer Zeit, in der das Recht des Stärkeren wieder an Gewicht gewinnt und grundlegende Prinzipien wie Ausgleich, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz unter Druck geraten, ist das nicht selbstverständlich. Demokratie lebt von Debatten, vom Ringen um Antworten und Verständigung und davon, dass unterschiedliche Perspektiven ausgehalten und verhandelt werden.
Angesichts des Militarismus, der die Gedenkstätte geprägt hat, ist uns – wieder einmal – klar geworden, warum wir das tun, was wir tun. Mediation ist Friedensarbeit. Und sie ist eine Haltung. Konfliktfähigkeit ist erlernbar und gehört zu den wichtigsten gesellschaftlichen Kompetenzen unserer Zeit.
Mediation schafft Räume, in denen Konflikte nicht gewaltsam, sondern friedlich ausgetragen werden. Indem wir darüber reden, um was es wirklich geht, an konsensualen Lösungen arbeiten, statt mit Gewalt, Durchsetzen, Rückzug oder Nachgeben reagieren zu müssen. Dies geschieht durch Zuhören, Aushalten von Unterschiedlichkeit und durch den Versuch, Perspektiven verstehbar zu machen, ohne sie vorschnell zu bewerten oder gar abzuwerten.
Wir sind nicht naiv. Demokratie muss wehrhaft sein. Wohin das Recht des Stärkeren führt, kann man ja gerade im Übermaß sehen. Frieden basiert auf Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Verständigung. Alle dürfen meinen, was sie wollen, solange sie diese Grundordnung anerkennen, so wie sie in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes verankert ist. Auch Mediation setzt voraus, dass wir uns an gemeinsame Spielregeln halten und uns trotz aller Differenzen als gleichwürdig anerkennen. Diese Grundregeln sind die Basis unseres demokratischen Zusammenlebens, die aktuell unter Druck gerät. Durch diejenigen, die sie abschaffen wollen und auch durch diejenigen, die wegschauen.
Nichts tun und hoffen, es wird schon nicht so schlimm werden, ist keine gute Idee. Wir alle sind gefragt, für Verständigung, Demokratie und die Verteidigung eines friedlichen Zusammenlebens in Deutschland, Europa und der Welt einzutreten.
(Michael Cramer und Christine Pütz)